Elternabend

Ich liebe Elternabende.

Man kommt eh schon müde von der Arbeit nach Hause und muss dann nochmal los, weil es wichtige Dinge, die schulpflichtigen Kinder betreffend, zu besprechen gibt. Wenn abends im Schulgebäude noch Licht brennt und auf dem Parkplatz Autos stehen, ist irgendwo Elternabend. Heute sind wir dran. Also, wenn wir den Klassenraum finden. „Entschuldigung, ist das die 5b?“, frage ich in ein Klassenzimmer hinein, in dem bereits viele Erwachsene sitzen. „Nein, die ist im anderen Gebäude gegenüber“, erklärt die Lehrkraft. Wir sind also nicht die Einzigen, die heute Elternabend haben. Also rüber ins andere Gebäude.

Elternabende sind wie Nachsitzen für Sorgeberechtigte.

„Kommen Sie rein, setzen Sie sich“, sagt die Lehrerin unserer 11-Jährigen, Frau Sandmann. „Vielleicht gleich hier vorne, ich beiße nicht“. „Nein, nein. Wir nehmen einfach hier Platz“, sagt meine Frau. Mit „hier“ meint sie ganz hinten, bei den anderen Eltern. Niemand wollte jemals vorne sitzen. Das war schon früher so.

„Also, wenn wir vielleicht mal über die Qualität des Essens in der Mensa sprechen könnten“, sagt Marie Paslowski, Mutter von Vivienne-Fee. „Gerne“, sagt Frau Sandmann. „Gleich.“

Elternabende sind wie Nachsitzen für Sorgeberechtigte. Der Mann am anderen Ende der Bank zum Beispiel. Der hätte jetzt sicher auch lieber das Fußballspiel im Fernsehen gesehen. Aber auch er ist hier und starrt ausdruckslos nach vorne an die Tafel.

„Lassen Sie uns über Drogen sprechen“, sagt Frau Sandmann. Sofort sind die schon leicht sedierten Eltern wieder wach. „Drogen sind ein ernsthaftes Problem heutzutage“, fährt die Lehrperson fort und informiert über die vergangene Klassenfahrt einer 9. Klasse, wo ein Junge offenbar Gras dabei hatte, was dazu führte, dass der Junge nun auf eine andere Schule geht. Nebenbei erfahren wir Eltern, dass dieses Gras heutzutage sehr viel stärker ist, als das lasche Zeug, das wir damals konsumiert hatten. Interessant.

Nun sind unsere Kinder ja erst 11. Da spielen Drogen hoffentlich noch keine übergeordnete Rolle. Bei uns sind ganz andere Themen wichtig. „Marie-Lara sitzt auf den Holzstühlen nicht gut. Kann die Schule keine Sitzkissen anschaffen? Oder können wir ihr eines mitgeben? Wer haftet, wenn es gestohlen wird?“ „Thorben friert immer. Kann die Schule nicht mehr heizen?“ DAS sind die Themen, die an einem Elternabend wirklich wichtig sind. Manchmal denke ich, wie diese Eltern den Alltag zuhause überhaupt meistern? Das Kind sitzt auf einem Holzstuhl, auf dem schon Generationen vor ihm gesessen haben, nicht gut? Geht’s noch? Zu meiner Zeit war sogar samstags noch Schule. Noch ein Tag auf harten Holzstühlen. Wen hat das damals interessiert? Habe ich heute einen Sitzschaden? Eben.

„Können wir bei Klassenfesten nicht auf Kuchen und andere Süßigkeiten verzichten?“, fragt Frau Hufnagel, die Mutter von Dilana-Prina. „Meine Tochter hat eine Intoleranz. Man kann doch auch mit Obsttellern schön feiern.“ Da jegliche Art von Intoleranz in diesem Klassenraum nicht geduldet wird, wird der Vorschlag einstimmig abgelehnt. Dilana-Dingsbums Mama muss das Obst für das Kind mit dem verkackten Namen selbst vorbereiten. Alle anderen kriegen Kuchen. So.

Der wichtigste Punkt an einem Elternabend ist die Wahl der Elternvertreter. Das ist der Zeitpunkt, wo es im Klassenraum ganz still wird. Erwachsene Menschen begutachten ihre Schnürsenkel und atmen so leise, dass man das Geräusch der eingesogenen Luft nicht als „Ja, ich melde mich freiwillig“ missverstehen kann. Lehrer sind darin aber geübt, die kennen das schon. Die warten einfach ab, bis irgendwer die peinliche Stille nicht mehr aushält und sich freiwillig meldet. Plötzlich atmet jeder wieder normal laut, und den Schnürsenkeln wird keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt.

Ganz zum Schluss geht dann noch eine Telefonliste rum, auf der die Eltern bitte ihre Handynummern eintragen. Man wolle eine WhatsApp-Gruppe gründen. Die Lehrer wollen jeden Tag die Tafel abfotografieren, auf der die Hausaufgaben aufgeschrieben stehen. So soll in Zukunft dafür gesorgt werden, dass die Hausaufgaben zuverlässiger gemacht werden. Als sei ich nicht schon in viel zu vielen WhatsApp-Gruppen. Meine Frau sowieso. Der ist das Handy ja schon in den Handinnenflächen festgewachsen. Wenn wir früher unsere Hausaufgaben nicht gemacht haben, rief der Lehrer zuhause (auf dem Festnetz!) an. Nach dem Gespräch mit meinem Vater, konnte sich anschließend jede Lehrkraft darauf verlassen, dass ich meine Hausaufgaben immer ganz ordentlich gemacht habe.

Als der Elternabend endlich vorbei war, sehen meine Frau und ich, wie in dem anderen Klassenraum, in dem wir zuerst waren, immer noch Licht brennt. Hier wird noch angestrengt diskutiert. Wahrscheinlich geht es um so wichtige Dinge, wie laktosefreie Würstchen beim nächsten Schulfest.

 

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